Was ist sidra?

Aus heiterem Himmel sah ich mich mit dieser Frage konfrontiert, die mir eines dämmrigen Morgens im Oktober 2012 mit der Geschäftspost ins Haus flatterte. Ein mir bis dahin unbekannter Mann bat mich in einem offenbar in großer Verzweiflung verfassten Brief eindringlich um Mithilfe bei der Lösung dieses Rätsels, das für ihn anscheinend von existenzieller Bedeutung war. Wieso Geschäftspost? Klar, ich sollte mich kurz vorstellen: Max Müller, Inhaber einer kleinen Privatdetektei in Mönchengladbach: “Miller.mg - Investigative Ermittlungen aller Art”. Nun ja, von Hause aus eigentlich promovierter Musikwissenschaftler, aber von irgendwas muss man ja leben.

Wer oder was also war sidra? Der Auftrag erschien mir nicht sonderlich lukrativ, aber die Herausforderung reizte mich. Mir fehlte zunächst einfach jeglicher Anhaltspunkt. Mittels der üblichen Einstiegsrecherchen ließ sich sowohl die “Astronomie” als auch die “griechische Mythologie” schnell ausschließen: Es gab weder eine Galaxie noch ein göttliches Orakel dieses Namens, obwohl beides durchaus nahe gelegen hätte. Auch die sprach-wissenschaftliche Analyse führte mich nicht wirklich weiter: ein “spanischer Apfelwein“, ein “Anker” im Kroatischen, ein Mädchenname im indischen Raum, ein “Lebensbaum“ in den Schriften des Koran, ein Leseabschnitt nach palästinischer Ordnung im Text der “Tora“. Erste Anhaltspunkte zumindest, aber sie führten alle in verschiedene Richtungen. In einer vagen Erinnerung an durchzechte Partynächte und jugendliche Wasserpfeifen-Gelage durchwühlte ich meine gigantische Plattensammlung und stieß auf die alte Scheibe “Yatha Sidra - a meditation mass”, ein Meilenstein des kosmischen Krautrocks der 70er mit stylischem Klappcover. War das die heiße Spur? Ich meldete mich - als angeblich zweifelnder Katholik auf Sinnsuche - in verschiedenen sektenähnlichen Meditationszirkeln an, um mehr zu erfahren - doch leider alles vergeblich.

Entmutigt ertränkte ich meinen ganzen Frust in schäbigen Bars und Spelunken, in denen sich allerhand zwielichtige Gestalten - abgehalftertem Musikervolk nebst Gaunern aller Art - herumtrieben. Rein zufällig wurde ich - schon halb benebelt - Zeuge einer flüsternden Unterhaltung am Nebentisch, bei der es um ein Geheimprojekt in Mönchengladbach ging, das bei den Unterrednern, offenbar einer Art Wahlausschuss, hoch im Kurs zu stehen schien. Dabei fiel - für mich eindeutig - auch der Name “sidra”. Sofort war mir klar: Ich hatte die ersehnte heiße Spur gefunden. Nach zwei weiteren Single-Malts war ich mutig genug, den Kleinsten aus dieser Clique beim Verlassen des Lokals zur Rede zu stellen. Er war allerdings so abgefüllt, dass ich kaum Verständliches aus ihm heraus bekam. Unentwegt von “Geheimnissen” und “Verrat” faselnd, ließ sich mein zugeknöpfter Insider mit dem Versprechen absoluter Verschwiegenheit aber schließlich doch noch eine Adresse entlocken, die mich weiterführen sollte.

Ich folgte dem Geheimtipp meines Informanten in eine düstere Gegend am Rande der Rheydter City. Die Anschrift stellte sich als verrostetes Tor eines schauerlich-verfallenen Fabrikgeländes heraus, dessen Glanzzeiten schon ein gutes Jahrhundert zurück zu liegen schienen. Mit dem mulmigen Gefühl, mich besser nicht in dieser Gegend aufzuhalten, legte ich mich mehrere Nächte in Folge auf die Lauer und wartete ab. Mein Herz schlug bis zum Hals, als sich endlich ein Erfolg meiner Observation abzeichnete: ein Konvoi dunkler Limousinen enterte den Innenhof durch das sonst stets verschlossene Gatter, mehrere verwegene Gestalten verschwanden mit auffällig großen und schweren Koffern in einem Seiteneingang des unwirtlichen Hauptgebäudes. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und folgte dem Geheimbund in gebührendem Abstand durch die zum Glück unverschlossenen Tore und Türen. Doch was sollte mich dort erwarten? Was verbarg sich hinter diesen verwunschenen Mauern, in diesen beeindruckend-massiven Transportbehältern? Schmuggelware, Schwarzgeld oder gar Menschenhandel? Meine Neugier siegte über die Angst. Zitternd vor Spannung hockte ich in meinem Versteck und lauschte.

Endlich sollte ich erfahren, was sidra ist.

Es überkam mich als überirdisches Klangerlebnis und berauschendes Glücksgefühl orgiastischer Dimension. sidra war die Musik, voller Harmonie und Widersprüche, ebenso neu und unerwartet wie vertraut und geborgen. Sie klang nach Verführung und Verhängnis - wie die Stimmen der Sirenen, erheiternd und bedrohlich - wie das Lachen von Hyänen, bestürzend und befreiend - wie das Aufgeben von Plänen, herzerfrischend und herzzerreißend - wie ein Lächeln unter Tränen. Ich fühlte mich schwerelos, mein Verstand setzte aus und in meiner weltentrückten Faszination erlebte ich die vollkommene Vielfalt in der Monotonie meines Daseins, erkannte das Sinnvolle im Unsinnigen, entdeckte das Verborgene im Offensichtlichen und spürte die Nähe zum Unerreichbaren.

sidra lockte mich mit ihren Klängen von sanfter Intensität und Liedern voller Sehnsucht und Sinnlichkeit.

sidra erzählte mir ihre Geschichten, berührend und verführend, vielfältig, mehrdeutig, metrosexuell, grenzenlos gegensätzlich, zurückhaltend und übermütig, lustvoll und leiderprobt, überraschend sperrig und betörend eindringlich zugleich.

sidra reizte mich - zum Tanzen und zum Träumen.

Als ich aus meinem komatösen Rauschzustand erwachte, fand ich mich auf einer hochbetagten Couch inmitten eines gemütlichen Sound-Tüftler-Studios wieder, umringt von sieben freundlich-fragenden Gesichtern. So erfuhr ich das ganze Geheimnis von sidra - dem innovativen Bandprojekt dieser sieben freundschaftlich und musikalisch verbundenen SpielgefährtInnen mit klangvollen Namen in der heimischen Musikszene:

Als Kopf, Herz und Seele von sidra lernte ich Lioba und Martin kennen, zwei unbändige Freigeister und Energiebündel, hoffnungsvoll romantische Seelenverwandte im harmonischen Einklang, untrennbar verbunden in ihrer Musikbegeisterung und zügellosen Leidenschaft für ihre gemeinsame Herzensangelegenheit.

Dieser kreativen Doppelspitze am Steuer – Erfinder, Schöpfer, Macher und Motor von sidra - standen mit Adi, Alex, Gerd, Silke und Topher fünf erfahrene Weggefährten und Supporter der Mission zur Seite, irreversibel infiziert von den Ideen und Energien des Projekts und als Teamplayer und Impulsgeber gefragte und überzeugte Gestaltungspartner des kreativen Prozesses.

So fand ich schließlich des Rätsels Lösung, erfüllte meinen letzten Job als Privatschnüffler und wurde neuer Manager der Band. Meinen Auftraggeber, einen verängstigten Musikveranstalter, überzeugte ich davon, dass er mit sidra den Deal seines Lebens machte und dem Beginn einer neuen Ära der Musikgeschichte beiwohnen sollte.